Die BÖHSE ONKELZ haben Mitte der Neunziger durch ihren Auftritt in Wacken stark dazu beigetragen, dass das Festival sich zu dem entwickeln konnte, was es heute ist. Das führende Metal-Festival in Europa. Da die Band sich nächstes Jahr definitiv auflösen wird, bestand in diesem Jahr zum letzten Mal die Chance, die Band für das W:O:A zu buchen.
Die ONKELZ mögen so umstritten sein wie es nur geht, aber ein Gefühl für ihre Fans haben die Frankfurter. Wer im letzten Jahr das Rolling Stones-Konzert in Hannover gesehen hat, konnte die ONKELZ als Support sehen. Dass die Tickets für dieses Konzert um die 100 Euro gekostet hatten, stieß bei Stephan und Co nicht auf Gegenliebe, so dass sie beschlossen, dass alle Fans, die in Hannover in erster Linie nur die ONKELZ sehen wollten, ein Konzert als Gratis-Zugabe sehen durften. Eine Aktion wie diese ist sicherlich einmalig in der deutschen Rockgeschichte und zeigt das besondere Verhältnis zwischen Band und Fans.
Nun aber zum Konzert. Die Anspannung, ob die ONKELZ-Fans und die reinen Metalheads miteinander auskommen würden, war vor dem Gig ganz klar zu spüren. Jeder, der im Bereich Sicherheit in Wacken aktiv war, achtete peinlich genau, dass alles ordentlich ablief.
Wacken Open Air 2004 - Teil 2 - Bild3
Vorweg sei gesagt, dass es zu keinen nennenswerten Problemen kam und der Gig der ONKELZ absolut friedlich ablief. Die ONKELZ wurden vom ersten Song an frenetisch von ihren Fans angefeuert, was Kevin mehr als einmal ein lautes „Geil“ über die Lippen rutschen ließ. Im Laufe der Show sprang der Funke auch auf die Metalheads über, so dass zur Mitte der Gigs alle, aber auch wirklich alle völlig am Teller drehten und Wacken zu einem Meer an Onkelz-Fans werden ließ. Die ONKELZ hatten technisch gesehen noch nicht einmal ihren besten Tag erwischt. Mal verzockte sich PE am Schlagzeug, dann hatte Kevin dezente Probleme mit seinen Texten und auch Stephan und Gonzo klimperten das ein oder andere Mal ein bisschen daneben. Der Anfang von „Nichts bleibt für die Ewigkeit“ wurden dann von der gesamten Band verkackt. Stephan nahm dies ganz locker und stellte in einer Ansage klar, dass es nach der Show wenigstens Band-intern keinen Ärger geben würde, weil jeder vor seiner eigenen Tür kehren würde. Die kleinen Patzer in Verbindung mit der Ansage, lassen die ONKELZ halt so authentisch rüberkommen.
Ein besonderes Plus war der Sound, der während der kompletten Show glasklar aus den Boxen schoss. Kevins Gesang kam dieses nur zugute. Mit einer wahnsinnigen Intensität machte er allen klar, dass er eine der Stimmen hat, die man unter Tausenden wieder erkennt. Apropos wieder erkennen. Stephan war zwar wieder zu erkennen, allerdings hat der Gute sein Styling mal wieder ein bisschen „modifiziert“, so dass er wesentlich jünger aussieht als zuletzt. Ob es daran liegt, dass er recht dünn geworden ist?
Während des Gigs schaffte doch tatsächlich ein Fan den Sprung auf die Bühne. Durch die Reihen der Security hüpfte er beim Verlassen des Sicherheitsgrabens direkt in Kevins Arme, der viel zu verdutzt war, um reagieren zu können. Nach einer Umarmung und einer kurzen Ansage sprang der Gute dahin zurück, wo er hergekommen war. Die Band nahm den Vorfall extrem locker, indem man die Security in ihrer Lethargie verharren ließ und den Fan halt zu einem kleinen Mosaik der Show werden ließ. Als der Fan die Bühne verließ, forderte Stephan das Publikum auf, einen Sonderapplaus für den „Gast“ zu geben, während er für die Security den Kommentar „Na, da hat die Security ja mal wieder gut aufgepasst“ erübrigte. Da nichts passiert war, gab’s natürlich keinen Ärger.
Dass die ONKELZ mit ihren Stücken so ziemlich alle vor der Bühne versammelten Anwesenden in ihren Bann zogen, habe ich ja schon erwähnt. Es hat mich besonders erstaunt, dass viele Fans aus dem Ausland, die die ONKELZ ja nicht kennen können, während des Gigs zu Fans der Band avancierten und bei den Zugaberufen mächtig lärmten. Wieder mal ein Zeichen, dass die ONKELZ musikalisch eine Band sind, die ein enormes Format aufweist und Songs geschrieben hat, die unabhängig von den Texten wirken. Auch die Songs vom Abschieds-Album „Adios“ kamen bestens an. „Immer auf der Suche“, „Onkelz vs. Jesus“, und „Superstar“ versprühten schon fast den Spirit etablierter Songs.
Mit zweidreiviertel Stunden war die Spielzeit mehr als üppig bemessen. Mit 31 Songs spielten die ONKELZ im Prinzip 3 Alben runter, was absolut Headliner-würdig war und mit Ovationen bedacht wurde, wie ich sie nur bei Blind Guardian im Jahr 2002 in Wacken erlebt habe.
Für Puristen gibt’s hier die komplette Setlist:
Hier sind die Onkelz
Dunkler Ort
Finde die Wahrheit
Immer auf der Suche
Narben
Ich bin in dir
Onkelz vs. Jesus
So sind wir
Langer Weg
Terpentin
Buch der Erinnerungen
Danke für nichts
Wieder mal nen Tag verschenkt
Superstar
Nie wieder
Nichts ist für die Ewigkeit
Nichts ist so hart wie das Leben
Gehasst, verdammt, vergöttert
Für immer (Version 2004)
Danket dem Herrn
Wie tief willst du noch sinken
Heilige Lieder
Nur die Besten sterben jung
Schutzgeist der Scheiße
Stunde des Siegers
Lieber stehend sterben
Zugaben:
Firma
Auf gute Freunde
Kirche
Mexico
Erinnerungen
Da die Band während ihres gesamten Gigs dafür sorgte, dass die Stimmung konstant auf höchstem Niveau blieb, kann man kein Highlight nennen, wobei die obligatorischen „Mexico“-Rufe sich durch den ganzen Gig zogen. Nachdem Stephan den Fans den Song ankündigte, blieb kein Strohhalm mehr stehen und die ersten 50 Reihen wandelten sich zu einem riesigen Pogo-Moshpit aus dem staubige Wolken aufstiegen, die der Atmosphäre eine ganz besondere Stimmung verliehen. Traditionell endete der Set mit „Erinnerungen“. Im nächsten Jahr werden die ONKELZ dann auch nur noch in der Erinnerung bestehen bleiben, wenn man sich pünktlich zum 25 jährigen Jubiläum auflösen wird. Was Kevin am Ende von „Mexico“ mit „bis 2006“ meinte kann leider nur eine vage Hoffnung sein, dass die ONKELZ ihren Schritt noch einmal überdenken... VIVA LOS TIOZ (René Otto)